



Ernst Trawoger
Opening: 07. March 2025, 6pm
März - Mai 2025
Text zur Ausstellung
Ernst Trawöger – Die Schönheit von Unschärfe und Unvorhersehbarkeit
Der Titel zur aktuellen Ausstellung von Ernst Trawöger in der Galerie Widauer lässt es erahnen: Asymmetrical Irreversibility, also Asymmetrische Unumkehrbarkeit, impliziert Prozessuales, etwas in Bewegung Befindliches oder, ganz allgemein, etwas, das nicht genau so wiederholbar ist. Die in den letzten Jahren entstandenen Werke von Ernst Trawöger sind auf den ersten Blick von minimalistischer Eindringlichkeit. Farbflächen in matten kühlen Farbtönen, schwarz-weiße Bildtafeln oder auch mit Bleistift gezogene feine Linien. Bildtafeln, die wie Diptychen angeordnet erscheinen, aber in sich leicht verschoben sind.So wird das künstlerische Konzept Trawögers sichtbar. Die Bilder folgen einem konzeptuellen Kompositionsprinzip. Es geht um Proportionen, ihr formales Aufbrechen durch oft minimale Verschiebungen etwa von Seitenrändern oder der Mittelachse. Beim Betreten der Galerie fällt der Blick links auf eine große Bildkomposition. Ein intensiv schwarzes Quadrat trifft auf eine weiße rechteckige Bildform, auf der wiederum ein kleineres silbergraues Quadrat zu sehen ist, dessen Ränder allerdings nicht ganz präzise sind, sondern deren gleichsam formale Unschärfe die Gesamtkomposition in Bewegung versetzt. Das Auge wandert von der Fläche zum Bildrand, zur mittleren Trennlinie wieder zum Gesamtbild. Und dies ist die künstlerische Intention Trawögers. Er bricht gewohnte Sehweisen auf und versetzt so vermeintlich bekannte Kompositionen in eine Art Schwebezustand. Eben dieses Irisieren zwischen scheinbarer formaler Strenge und poetischer Leichtigkeit charakterisiert die Werke Trawögers. Die Zartheit und Intensität seiner Werke liegt in der Diskrepanz zwischen formaler Zurückhaltung und Einfachheit der Komposition und der aus einer rein konstruktiven Herangehensweise ausbrechenden Originalität, oder, wie es der Künstler nennt, „Asymmetrie“. Dies wird auch durch die Wahl der Materialien deutlich, wie etwa bei dem Wandstück, bei dem eine reale weiße rechteckige Bildfläche über Eck übergeht in eine mit Bleistift gezeichnete Kontur. Die Flächen sind deckungsgleich, aber die opake, volumenhafte Bildfläche und die reine Wandfläche mit dem Bleistiftrand sind wesenhaft völlig unterschiedlich.
Der absolute Bildflächeninhalt ist identisch, aber seine Genealogie und seine Präsenz im Raum sind nicht austauschbar. Die subtile Hinterfragung von Wirklichkeit zeigt sich auch sehr schön in der schwarz-weißen Bildkomposition. Ein Spiegel liegt flach auf dem Boden. Er reflektiert das reale Bild und durch die Positionierung des ursprünglichen Bildes entsteht ein visueller Knick.
Ernst Trawöger beschäftigt sich in seinen Werken auch mit den Voraussetzungen von Physik, Geometrie oder auch mathematischen Gegebenheiten. Jedoch sind sie nie Selbstzweck, sondern vielmehr Bedingungen für künstlerische Überlegungen. Dies wird besonders an dem Werk mit dem Pendel im Hauptraum sichtbar. Eine hellgraue Holzkugel ist an einem langen schwarzen Faden aufgehängt. Am Boden ist ein Magnet befestigt. In der Kugel gibt es einen gleichpoligen Magneten, was bedeutet, dass sich Kugel und Bodenmagnet abstoßen. Die Kugel wird in Schwingung versetzt. Durch den Abstoßungsimpuls wird sie jedoch so bewegt, dass sie nicht, wie man es bei einem Pendel vermuten würde, in symmetrischen Schwingbewegungen hin-und her pendelt, die Bewegung ist vielmehr unvorhersehbar, von unterschiedlicher Intensität und eben auch irreversibel.
Für Trawöger sind jene physikalischen Voraussetzungen, Gesetze und Bedingungen Impulse für eine künstlerische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Gegebenheiten. Im Mittelpunkt stehen die Faszination und Schönheit physikalischer Eigenschaften. Die Tatsache, dass ein Pendel nicht rhythmisch geometrisch ausschwingt, dass sich also durch die eine Richtung die andere nicht vorherbestimmen lässt, ist ein poetischer, künstlerisch relevanter Grundgedanke.
Den ausgestellten Werken gemeinsam ist eine subtile Irritation unseres Blickes. Was beim Pendel physikalisch nachvollziehbar ist, überträgt sich auch auf die Bildkompositionen und ihre Wahrnehmung und Interaktion mit den Betrachtenden.
Wenn wir Trawögers Werke sehen, dann sind wir begeistert von jener Unvorhersehbarkeit, von sanften Brüchen und Unschärfen im Geometrischen und erfreuen uns an nur vermeintlich minimalen Abweichungen vom Absoluten proportionaler Verhältnisse.
Gaby Gappmayr 2025