Aura Rosenberg
Opening: 22. May 2026, 6pm
May - August 2026

“Who am I? What am I? Where am I?”  Aura Rosenbergs subtile Auseinandersetzung mit Identitäten

In der aktuellen Ausstellung der Galerie Widauer präsentiert die amerikanische Künstlerin Aura Rosenberg ein, wie sie es nennt, „soziales und künstlerisches“ Archiv, das einen Zeitraum von 12 Jahren umspannt und Arbeiten von über achtzig Künstlerinnen und Künstlern enthält.

Es sind 101.6 x 75.57 cm Drucke, so genannte Archival Inkjet Prints. Es handelt sich um Portraitfotos von Kindern bzw. Verwandten von KünstlerInnen, deren Gesichter von eben diesen KünstlerInnen bemalt wurden. Aura Rosenberg verfolgt dieses Projekt schon sehr lange, und so entstand über die Jahre hinweg ein Kosmos vielschichtiger Fotografien. Im Hauptraum der Galerie sind insgesamt 26 Fotografien zu sehen, im Kabinett sind es noch einmal vier Portraits. Ihnen gemeinsam ist ihre Genealogie. Kinder posieren mit von KünstlerInnen bemalten Gesichtern. Jedoch offenbart jedes Portrait einen ihm eigenen Kosmos.

Es entsteht ein subtiles Gesamtkunstwerk zwischen portraitiertem Kind, der Person des Künstlers/der Künstlerin und dem künstlerischen Blick von Aura Rosenberg als Fotografin. Es sind unterschiedliche Schichtungen von Identitäten, einerseits der persönlich biografische Bezug, zum anderen die gestalterisch künstlerische Handschrift sowie die fotografische Dokumentation durch die Künstlerin. Es ist ein Geflecht aus Bedeutungen, Konnotationen und Bezügen, das in diesen Fotografien sichtbar wird. Für Aura Rosenberg offenbart jedes Portrait eine ihm eigene Geschichte. So erzählt sie, dass sie etwa John Baldessari für das Portrait von Carmen Schnappschüsse schickte, die er bemalen sollte. Stattdessen schickte er ihr eine Collage, die aus zerschnittenen Stücken der Schnappschüsse bestand, und Aura Rosenberg schuf daraus eine Art Maske. Hier haben wir es also mit drei Identitätsschichten zu tun, dem fotografierten Kind, der Arbeit von John Baldessari und der sensiblen künstlerischen Umsetzung durch Aura Rosenberg.

Jedes Kinderportrait ist demnach Dokumentation nicht nur eines Augenblicks, wie es dem Wesen der Fotografie entspricht, sondern es spiegelt vielmehr einen Moment der Überlagerung unterschiedlicher Bedeutungsebenen wider. Die individuelle Persönlichkeit der Kinder trifft auf die Identität der künstlerischen Beiträge. Die Transformation des rein künstlerischen Prozesses liegt in der intensiven, natürlichen Präsenz der Kinder. Während die Kinder in ihrer reinen Präsenz die Unmittelbarkeit des Seins verkörpern, sind die KünstlerInnen durch ihre künstlerische Umsetzung präsent. Wenn etwa Ann Carven in ihrem Portrait von Chelsea ihrem künstlerischen Konzept der Beschäftigung mit der Natur wie man sie etwa in wissenschaftlichen Handbüchern oder in Gemälden alter Meister findet, treu bleibt, erhält dies durch das Arrangement der Sonnenblumen auf dem kindlichen Gesicht, bei dem die Stängel und das Blattwerk der Sonnenblumen das kindliche Gesicht gleichsam einzurahmen scheinen, eine neue Dimension. Das Kind ist nicht nur Bildträger, sondern Aura Rosenberg schafft durch ihren fotografischen Blick ein poetisches Netzwerk aus menschlich wahrhaftem Portrait und künstlerischer Setzung.

 

Den Portraits gemeinsam ist die Intensität des kindlichen Ausdrucks, die Ernsthaftigkeit der Posen und die Identifikation mit den künstlerischen Interventionen. Die Kinder schaffen durch ihre Haltung, ihren Blick und ihre Verbindung mit den künstlerischen Setzungen ein neues Gesamtkunstwerk, das durch Aura Rosenbergs Blick entsteht und festgehalten wird.

Es entstehen subtile Annäherungen an die Unmittelbarkeit des So-Seins, melancholische Blicke in vollendete Überlagerungen zwischen Kind und künstlerischer Modifikation oder auch abgründige Transformationen des Kindlichen in erwachsene Welten. Als Beispiel einer fast wesensverändernden Bemalung sei Mike Kelleys Portrait von Carmen zitiert. Hier verändert der clowneske Gruftielook auch die Persönlichkeit des Mädchens, denn dem Betrachter erschließt sich nicht mehr das Wesen des dargestellten Kindes, sondern in der Fotografie wird der Wesenszug eines traurigen und maskenhaften Mädchens sichtbar, der auch durch den verloren wirkenden Blick intensiviert wird.

John Millers künstlerischer Beitrag basiert auf zwei sehr populären Filmfiguren, Homer Simpson bei Joe und Jean Paul Belmondo bei Joey, dessen professionelle Pose sofort an einen Filmstar erinnert.

Chris Williams Portrait seines Neffens Bram ist eine Referenz an einen Ausstellungstitel Pontus Hulténs in Stockholm. Der Imperativ scheint eine liebenswürdige Aufforderung des kleinen Brams zu sein, der wir gerne Folge leisten.

Es ist über die Jahre ein unglaublicher künstlerischer Kosmos entstanden, den Aura Rosenberg geschaffen hat: ein Geflecht aus beeindruckenden Momentaufnahmen von Kindern, die biografisch mit ihren Gesichtsbemalungen verbunden sind und sie auf eindringliche, unmittelbare und intensive Weise mit ihrer Identität und durch den künstlerischen Blick von Aura Rosenberg zum Leben erwecken.        

                                                                                                                      Gaby Gappmayr 2026